Zeitzeugeninterview – Mauerbau
Ein Ehepaar aus Berlin- Pankow berichtet von ihre Erfahrungen während
der Zeit des Mauerbaus und danach.
Frau: geb. 08.02.1926; zur Zeit des Mauerbaus Hausfrau (zwecks
Kinder); zwischen 1974 und 1986 (danach
Rente) Arbeit
in der Kirchengemeinde/ in der Küsterei
Mann: geb. 19.09.1925; arbeitete bis zur Rente als Ingenieur,
Fachgebiet: Hochbau und Rechentechnik
Wo waren Sie am 13.August 1961 ?
Frau: „Wir waren zu der Zeit gar nicht in Berlin, sondern bei Freunden
in Frankfurt an der Oder“.
Wie haben Sie vom Mauerbau erfahren?
Frau: „Wir haben es am Vormittag im Radio gehört.“
Haben Sie damit gerechnet, dass die Mauer gebaut wird?
Mann: „Nein, überhaupt nicht. Wir hatten zwar die Vermutung, dass
irgendwas passieren musste, da die
Flüchtlingsrate ja sehr hoch war. Jeden Montagmorgen, wenn ich ins
Büro kam (ich war damals als
Ingenieur tätig), waren wieder einige Plätze frei, da viele meiner
Kollegen in den Westen geflüchtet sind.
Es gab ja damals oft die Situation, dass Menschen im Osten gewohnt, aber
im Westen gearbeitet haben,
weil man dort wesentlich mehr Lohn für die gleiche Arbeit erhielt.
Insofern musste der Staat irgendwie
handeln.“
Frau: „Das Problem mit der hohen Flüchtlingsrate hätten sie
jedoch in den Griff bekommen können, wenn sie
eine Reiseerlaubnis
erteilt hätten. Denn somit hätten die Meisten ihre Verwandten
und Freunde besuchen
können
und wahrscheinlich wären dann nicht so viele geflüchtet und die
Mauer wäre gar nicht nötig
gewesen.“
Was hat Sie am 13. August persönlich am meisten getroffen?
Frau: „Am meisten getroffen hat uns, dass wir enge Verwandte im Westen
hatten, wie Tanten und Cousinen und
natürlich
viele Freunde. Es waren zwar nicht unsere Eltern, aber es hat uns doch
zu tiefst getroffen, da
wir im
Prinzip sehr engen Kontakt mit ihnen hatten.“
Mann: „Ganz am Anfang konnte man ja immer noch mit einer Erlaubnis
in den Westen fahren, diese hat jedoch
immer Wochen gedauert, da man sich schon ziemlich früh anmelden musste,
um auch vom Büro die
Erlaubnis zu erlangen. Außerdem durfte man seine Verwandten auch
nur zu bestimmten Anlässen, wie
zum Beispiel Ostern oder Weihnachten besuchen. Später ging dies natürlich
gar nicht mehr, da war ja
schon alles dicht.“
Wie haben Sie dieses Ereignis politisch eingeordnet?
Mann: „Für den Staat war es sicherlich eine absolute Notwendigkeit,
um das ganze Problem in den Griff zu
bekommen. Für uns jedoch war es absolut überflüssig.“
Waren Ihnen die Folgen der Trennung von Anfang an bewußt?
Frau: „Am Anfang hätte man nie erwartet, dass die Mauer überhaupt
so lange steht. Aber als die Mauer später
immer
stabiler und fester wurde, wurden einem die Folgen schon so langsam bewußt.
Die Hoffnung
jedoch
gab man nie auf!“
Haben Sie damit gerechnet, dass die Mauer ein viertel Jahrhundert stehen
bleibt?
Frau: „Nein, wie gesagt am Anfang hätte man das nie gedacht. Später
jedoch hätte man nie für möglich
gehalten,
dass man überhaupt noch miterlebt, wie sie fällt. Am Anfang sah
man es eher als kleinen Streich
des Staates,
um dem Volk die Devitten zu lesen, denn so richtig einordnen konnte man
es nicht, aber man
hat sich mächtig über die ganze Sache aufgeregt. Damals gab es
ja noch nicht einmal ein Telefon,
um den Kontakt zu unseren Verwandten/ Freunden zu halten. Das einzige was
ich mal gemacht habe war,
dass ich zwei oder drei Wochen nach dem Mauerbau mit meiner Mutter und
meinen Kindern an den
Grenzübergang in Wilhelmsruh ging und unsere Verwandten auf der anderen
Seite standen. Wir sahen
uns in dem Augenblick nur kurz und winkten uns zu, dann kam auch schon
die Polizei und bat uns
wieder
nach Hause zu gehen.“
Mann: „Man hätte zu der Zeit noch in einer Nacht und Nebel Aktion
an den Übergängen in Schildow oder
Wilhelmsruh in den Westen flüchten können.“
Frau: „Nein, das glaube ich nicht. Schon damals als wir nur gewinkt
hatten, hat uns die Polizei weg geschickt!“
Haben Sie selbst Fluchtversuche unternommen, um in den Westen zu gelangen?
Mann: „Nein, das war viel zu riskant mit der ganzen Familie zu flüchten.
Diese Verantwortung hätte ich nicht
tragen können. Viele sind ja nur aus rein wirtschaftlichen Gründen
rüber gegangen, das verstehe ich
überhaupt nicht. Nur weil es einem vielleicht drüben besser gehen
würde, kam es für uns nicht in Frage
deshalb unser Leben und das unserer Familie aufs Spiel zu setzen, denn
man wußte ja was einen erwartet,
wenn man bei einem Fluchtversuch erwischt wurde.“
Wie hat sich Ihr Alltagsleben verändert?
Frau: „ Unser Alltagsleben hat sich im Großen und Ganzen nicht sehr
verändert außer, dass wir von unseren
Verwandten und Freunden in Hamburg, Neu- Münster und Bielefeld abgetrennt
waren. Was die
Nahrung angeht, wurden wir immer mit Paketen oder dem Besuch aus dem Westen
versorgt, wie
z.B. mit Kakao, Kaffee oder Apfelsinen. Wir hatten dies zwar nicht in Mengen,
aber wir hatten Glück
überhaupt solche Leckereien genießen zu dürfen.“
Mann: „Jedoch sich die Informationen zu beschaffen, die man wollte,
das gestaltete sich schon schwieriger.
Zum Glück konnte man hier in Berlin noch das Westfernsehen empfangen,
so dass man wenigstens
etwas aus der Welt mitbekam. Denn zum Beispiel konnte man sich damals nicht
einfach die Zeitung
kaufen, die man wollte, es gab nämlich nur diese englische Arbeiterzeitung.
Da waren die Informationen
jedoch so gefiltert, dass man damit sowieso nichts hätte anfangen
können.“
Hatten Sie regelmäßige und intensive Kontakte in den Westen,
und wie erhielten Sie diese aufrecht?
Mann: „Oh, wir hatten immer sehr viel Besuch aus dem Westen. Freunde
von uns aus West- Berlin haben sich
öfter bei meiner Cousine in Neu- Münster angemeldet und erhielten
damit einen Westdeutsche Paß,
somit konnten sie als Westdeutsche hier her kommen. Dies ging natürlich
auch wieder nur zu
bestimmten Anlässen, aber es war immerhin etwas. Später als es
eine neue Regelung gab, konnten
Westdeutsche jederzeit nach Ostberlin kommen. Somit wurden alle Kontakte
aufrechterhalten.“
Frau: „Ab 1965 gab es dann eine neue Besuchergenehmigung, da war unsere
Wohnung fast wie ein Hotel.
Bei uns
trafen sie die DDR- Bürger mit ihren West- Freunden, somit war in
jedem Zimmer eine andere
„Gang“ .Jedoch
geschah dies auch wieder nur zu besonderen Anlässen.“
Mann: „Wir haben ja eher im Gegenteil noch Freunde dazu gewonnen. Ab
Oktober 1961 kam immer ein
Arbeitskollege meiner Cousine aus Hamburg alle 14 Tage übers Wochenende
zu uns und überbrachte
uns die neusten Nachrichten und Grüße unserer Familie. Er machte
den regelmäßigen Austausch erst
möglich. Natürlich wurde er auch immer regelmäßig
kontrolliert an den Grenzübergängen, manchmal
haben sie ihn auch bis auf das Hemd ausgezogen, um sicher zu sein. Zu ihm
haben wir heute immer noch
Kontakt, denn solche Erinnerungen verbinden ein Leben lang.
Was uns nur später verwundert hat, war, als wir Akteneinsicht bei
der Stasi beantragten und dort auch hin
gingen, standen in unseren Akten nur absurde Banalitäten und Kleinigkeiten,
die ich schon völlig
vergessen hatte, weil sie so unwichtig waren. Jedoch stand nichts von dem
drin, womit ich gerechnet
hatte, z.B. dass vor unserer Tür immer so viele Westautos standen
oder wir allgemein immer so viel
Westbesuch hatten. Wir wußten ja ganz genau, dass wir von einigen
aus unserer Straße bespitzelt
wurden. Stasispitzel gab es nicht nur in der Straße oder unter den
Arbeitskollegen, sondern auch in der
eigenen Familie. Mein Schwager war z.B. Parteisekretär. Wir haben
die Distanz zueinander gewahrt.
Jeder kannte die Meinung des anderer und hat sie akzeptiert, dass wir uns
gegenseitig anschwärzen
würden,
stand außerhalb jeglicher Debatte.
Welche wirtschaftlichen Folgen nahmen Sie nach dem Mauerbau war?
Frau. „Uns persönlich hat das eigentlich nicht betroffen, zumindest
hat es sich nicht wirklich bemerkbar
gemacht.“
Haben Sie die Rechtfertigungen geglaubt, die von staatlicher Seite her
kamen?
Mann: „Durch den Kontakt und die Informationen aus dem Westen wußten
wir genau was abläuft und haben nie
so gedacht, dass der Westen ja nur schlecht sei, und dass es dort so viele
Krawalle geben würde
wohingegen es hier ja total ruhig sein würde. Das Fernsehen war damals
die einzige Informationsquelle,
die man außer den Freunden aus dem Westen hatte. Schon damals ein
Buch zu bekommen war eine
große Schwierigkeit. Als damals meine Cousine mit ihrem Sohn hier
zu Besuch war, welcher ein Buch
von Günther Grass las, bat ich ihn es mir hier zu lassen. Ich hatte
ihm dafür etwas anderes geschickt.
Durch diese Methode konnte man wenigstens an Bücher gelangen., denn
klassische Literatur ging fast
immer durch die Grenzkontrollen, pingelig waren sie mit Zeitungen ober
Illustrierten, besonders an den
Übergängen der Friedrichstraße und der Bornholmerstraße.
Leider war es den meisten zu riskant etwas
mitzunehmen, da die Kontrollen schon sehr hart waren, so dass manche sogar
wegen solcher Dinge
zurückgeschickt wurden.“
Frau: „Unsere Freunde und Verwandte, die uns besuchen kamen, klagten
immer sehr über die harten und
anstrengenden
Kontrollen an den Grenzen.“
Als die Mauer gebaut wurde, hatten Sie Angst vor politischen Konsequenzen,
wie z.B. Krieg in Berlin oder vor einer zweiten Blockade?
Mann: „Nein, da hatten wir vorher viel mehr Angst vor einem Krieg, als
zu der Zeit. Als damals am 17.Juni1953
die Panzer am Potsdamer Platz anrollten, waren wir fast sicher, dass es
zu einem Krieg kommen würde.
Diese Situation wurde jedoch durch die Ostpolitik entschärft und sowieso
nachdem Ulbricht weg war,
wurde alles vernünftiger und somit wurde die Härte aus der ganzen
Sache genommen.“
Haben Sie damit gerechnet, dass die Mauer fällt?
Mann: „Man hätte nie gedacht, dass sich die Sektoren mal auflösen.
Da der Osten und der Westen auf seine
Beschlüsse beharrte und keine Kompromißbereitschaft zu erkennen
war, war klar, dass de Mauer ewig
bestehen würde. Die Annäherung der zwei deutschen Staaten waren
eher Wunschträume, die man jedoch
nie in der Realität wiederzufinden glaubte.“
Frau: „Als die Mauer dann fiel, hatten wir keinerlei Probleme uns wieder
einzuordnen, da es ja ständig Kontakt
in den
Westen gegeben hatte. Wir waren einfach nur glücklich, dass nun endlich
alles ein Ende hatte.
Noch lange
Zeit nachdem die Mauer gefallen war und man rüber in den Westen fuhr,
war man so
glücklich,
dass man jetzt so ohne weiteres bzw. ohne Kontrollen in den Westen konnte.“
Möchten Sie die Mauer zurück haben?
Mann: „Nein, niemals wieder Berliner Mauer. Natürlich hat jedes System
zwei verschiedene Seiten. Auch die
DDR hatte etwas positives, z.B. war des Bildungswesen und die Kinderbetreuung
in den Betrieben
damals viel besser als heutzutage. Mittlerweile lernt man in Bezug darauf
aus dieser Zeit- zum Glück.
Man soll nicht alles schlecht machen, aber das System war einfach nicht
gut, wie so viele andere auch.
Leider kann man sich nicht die positiven Aspekte aus allen Staaten herauspicken
und zu einem Idealstaat
Formen, denn es wird immer Menschen geben, die benachteiligt werden.
