Interview zum Mauerbau 1961

Wo waren Sie, als die Mauer gebaut wurde?

Als die Mauer gebaut wurde war, ich in Schildow, wo ich gewohnt habe. Seit 1952 wohnten wir in Schildow und meine Eltern wohnten in Steglitz. Wir sind natürlich oft rübergefahren und meine Eltern sind auch rübergekommen. Meine jüngste Tochter wurde am 7. Mai `61 geboren und da wollten gerade dieses Wochenende zu den Großeltern fahren, da hörten wir auf einmal: „Die Mauer ist da!“ Da können Sie sich ja wohl denken, was das für ein Schock war, dass wir wütend waren, dass wir so geteilt wurden ohne es vorher zu wissen.

Wie haben Sie es von der Mauer erfahren?

Ich glaube im Radio haben wir es gehört und die Leute haben es auch erzählt. Ein ganzes Land wurde ja getrennt. Es war ja auf einmal Schluss. Ich hatte auch eine Bekannte, die in Westberlin gearbeitet hat. Die hat auch Schwierigkeiten bekommen und die wurde sogar verhaftet und wir konnten nicht fahren. Wir waren dann natürlich traurig. Mein Sohn, war 7 Jahre, der war wütent, der wollte wieder zur Oma fahren. Da gab es kein hin und kein zurück.

Hat Sie der Mauerbau überrascht ?

Ja, das hat mich überrascht, das hat mich sehr überrascht. Wir haben damit nicht gerechnet. Wir haben gedacht das bleibt so, dass wir hinüberfahren können und die auch kommen können.

Dadurch, dass es auch so überraschend kam, konnten Sie sich auch gar nicht vorbereiten oder von Freunden verabschieden?!
Nein, gar nicht. Wir haben ja im Osten gewohnt. Konnten wir nicht. Auf einmal: Aus!

Und was hat Sie da persönlich am meisten getroffen?

 Also, es hat mich sehr getroffen, dass mein Vater `66 gestorben ist und ich nicht rüber dürfte. Er wurde beerdigt, ohne dass ich dabei sein durfte. Es sind schon einige Schicksale, die sich ergeben haben.

Was hat Sie da politisch bewegt, hatten Sie etwas über die politische Seite mitbekommen?

Also, ich bin politisch nicht so sehr interessiert, aber mein Mann hat immer gesagt: „Das können sie nicht machen, das können sie nicht machen.“ Der hat uns immer getröstet und gesagt: „Das geht nicht. Sie können nicht so ein Land auseinanderreißen.“ Und wie sie es konnten und wie lange sie das konnten. Das haben wir alle nicht gedacht. Wir haben gedacht, das ist nur vorübergehend. Wo wir nachher sahen: Die Mauer wurde gezogen, noch mehr Stacheldraht, da war uns das ja klar, dass das nichts Gutes war.

Inwiefern hat sich Ihr Alltagsleben im Beruf bzw. in der Schule verändert?

Die Kinder gingen zur Schule. Wir waren natürlich gezwungen dort zu bleiben. Ich hatte vier Kinder. Das Kleine war gerade geboren. Wir hatten ja keine Möglichkeit. Mein Mann sagte: „Mit vier Kinder können wir nicht türmen. Wo sollen wir da hin.“

Hatten Sie zu der Zeit Kontakt zu Verwandten im Westen ?

Ja, mein Cousin hat uns besuchen können. Westdeutsche dürften ja einreisen. Dann mussten wir eine Einreisegenehmigung besorgen. Aber alles mit Schwierigkeiten. Für ihn war es eben, wenn er in die DDR fährt, riskant. Die haben gedacht er wäre ein Spitzel.
Und mein Mann war in keiner Partei und die Jugendweihe haben meine Kinder überhaupt nicht bekommen. Tja, so mussten wir leben.

War Ihnen am 13. August bewusst, dass es so eine lange Trennung  wird?

Nein, die Tragweite haben wir nicht erkannt, aber die Leute waren alle, zumindest die dem System nicht so zugehörig waren, sehr wütend. Doch als die Mauer nachher stand, haben wir gedacht, dass die gar nicht aufhört. Das ganze Land war ja getrennt, Familien waren getrennt. Das war eben sehr einschneidend für alle Deutschen, für die Kommunisten natürlich nicht. Die haben es ja herbeigesehnt. Ich nehme auch an, dass auch Spitzel in unserer Straße waren, weil ich `66 nicht hinüberfahren dürfte. Ich wäre ja zurückgekommen, aber es dürfte ja keiner rüber.
 Ich weiß auch, dass mein Mann immer gesagt hat: „Das lassen die Alliierten nicht zu. Das kann nicht sein. Da passiert was. Das geht nur 14 Tage“ und als 14 Tage vorbei waren „vier
 Wochen. Das dauert nicht lange.“ Wir hatten Hoffnung, dass es nicht lange dauert.
Und je länger die Mauer stand, desto geringer wurde die Hoffnung?!
Ja, dann haben wir nachher keine Hoffnung mehr gehabt. Dann hat sich jeder eingerichtet und dann kam das mit dem Passierschein.

Ging es Ihnen nach dem Mauerbau eher schlechter oder besser?

Schlechter, aber meine Mutter hat immer etwas mitgebracht. Das war natürlich für uns sehr schön: Kaffee, Süßigkeiten... die Sachen, die wir sonst sehr teuer bezahlen mussten in dieser Zeit. Schokolade: 4-5 Mark. Wir mussten 20 DM für Kaffee bezahlen, stellen Sie sich vor, die (im Westen) haben den Kaffee für 8 DM bekommen. Und dann wurde natürlich für Geld gehandelt. Alle wollten Westgeld haben.

Das ging auch so problemlos, dass Westverwandtschaft Essen mitbrachte?!

Naja, die Kontrollen, waren immer schlimm, z.B. Friedrichstraße. Ich weiß, meine Bekannte wollte mal zu mir kommen. Da hat sie ein paar Eier mitgehabt. Die haben sie ihr weggenommen. Sie haben gesagt: „Wenn Sie zum Besuch nach Westberlin fahren, dann brauchen Sie nichts mitzunehmen.“ Dann haben sie ihr alles weggenommen. Sie musste sich dann ganz ausziehen, ob sie nicht irgendwie Geld mitgenommen hat. Das war ja der Grund. Das Geld aus der DDR sollte ja nicht in den Westen. Es wurde viel geschmuggelt, auch viele wurden verhaftet und festgenommen. Es wurde allerhand gemacht.

Hat die Regierung sich irgendwie für diese Aktion (Mauerbau) gerechtfertigt?

Sie hatten Angst um ihre Leute, die Jugend ging weg, sonst würde sie (DDR) ja bald leer sein und die DDR dann bald arbeitsmäßig schlecht dastehen.

Gab es einen Vorwand?

Sie haben gesagt, ohne Westen ginge es uns besser, als im Westen. Sie haben immer große Töne gespuckt, dass es uns viel viel besser gehen würde, als den anderen.

Haben Sie es damals geglaubt?

Glauben kann man das gar nicht. In der Schule wurde gesagt: „Das ist ein Schutzwall, für den Sozialismus ist das ein Schutzwall. Damit wir den Sozialismus aufbauen können. Da muss der Schutzwall aufgebaut werden gegen den Kapitalismus. Gegen den stinkenden, faulen Kapitalismus.“

Sie sind dann von Schildow nach Steglitz gezogen. Und das ging so ohne weiteres?

Ja, sobald wir Rentner geworden sind, konnten wir die Ausreise beantragen. Schwerkranke, Behinderte und Rentner konnten das. Aber auch erst in den 80iger Jahren. Dann konnten auch DDR-Bürger, wenn ein runder Geburtstag war per Antrag rüber, mussten aber eine Adresse angeben. Meine Mutter ist `81 gestorben, da dürfte ich nicht rüber, das war aber reine Schikane. Da wurden dann die Akten angeguckt und so wurde das dann entschieden. So war das, ganz hart.

Könnten Sie noch weitere Erfahrungen mit der Stasi erzählen ?

Ich hab bloß erlebt, wie ich einmal drüben war und mit dem Fahrrad bis nach Oranienburg gefahren bin. Währenddessen war die Polizei schon bei meinem Mann und hat gefragt, ob ich zurück bin, denn die Einreise hat man nur für eine bestimmte Zeit gekriegt. Ich kam dann und sie sagten: „Sie kommen ja jetzt erst.“ Ich hab gesagt: “Ich dachte das ist in Ordnung?!“ „Nein!“, sagten sie. „Ist das schlimm?“ fragte ich. „Das werden wir sehen!“, sagten sie. Man war da wirklich sehr pingelig. Schlimm war das.

Hatten Sie eine Ahnung, wer die Spitzel waren?

Nein, das konnte man nur tippen. Dass es vielleicht der und der war. Es gab ein paar Nachbarn, die immer geguckt haben, ob alles in Ordnung ist. Wir haben uns nur mit bestimmten Leuten unterhalten, denen wir auch vertrauten. Wir haben auch mit einigen nicht gesprochen, wie z.B mit unserem Nachbar. Der war ein Hauptmann bei der Polizei und unsere Kinder waren in einer Klasse gewesen und die dürften sich nicht am Zaun unterhalten, denn wenn die erfahren hätten, dass wir Westsender hören, dann wäre es aus gewesen. Das war nach der Mauer auch, als dann in der Schule gefragt wurde, welchen Kanal man hört. Im Physikunterricht auch, da kam sogar der Physiklehrer zu uns nach Hause und hat sich beschwert, dass wir Westsender hören.
 

 

Katholische Schule Salvator - Projekt im Fach Politische Weltkunde - Zeitzeugeninterview
Das Interview führten: Oliver Münchow