Die etwas andere Klassenfahrt

oder

Wo verdammt nochmal ist Kröchlendorff?


von Julius Kündiger

Ein (mehr oder weniger) informativer Bericht über die Klassenfahrt der 8bG aus der Salvatorschule.

Klassenfahrt! Wenn ein Schüler eine ganz normale Klassenfahrt beschreiben sollte, würde er wahrscheinlich etwas in dieser Art erzählen: "Also, wir fuhren mit dem Zug in irgendeine abgelegene Gegend, in irgendein Hinterwäldlerkaff und übernachteten in einer Jugendherberge. Wir besuchten viele Städte und Kirchen und wanderten eine Menge. Jedenfalls haben wir hauptsächlich die Umgebung "genossen". Einmal haben wir auch eine Nachtwanderung gemacht, aber das wars auch schon mit (mehr oder weniger) aufregenden Erlebnissen. Das einzig Schöne war, dass wir keine Schule hatten und von unseren Eltern und Geschwistern eine Zeit lang weg waren."

Der Bericht von unserer Klassenfahrt hat eigentlich nur die Sache mit dem Zug, der abgelegenen Gegend und dem Hinterwäldlerkaff (wer kennt schon Kröchlendorff) gemeinsam. Der Rest jedoch verlief anders:

Die Unterkunft war keine Jugendherberge, sondern ein Schloss! Ja, Sie haben sich nicht verhört. Es ist zwar kein Schloss von epischen Ausmaßen, und sehr viele Jahre hat das Gebäude auch nicht auf dem Buckel (neogotischer Baustil, 1848 erbaut). Doch es war nun einmal ein Schloss und damit etwas Besonderes. Das Bauwerk ist momentan von dem Bildungsanbieter "Outward Bound" (für Personen, denen die Sprache Englisch nicht geläufig ist: "Outward Bound" ist ein Zeichen, das Segler untereinander benutzen) besetzt. Aber die Bildung, die hier geboten wird, ist kein Mathematik- oder Französisch-Nachhilfeunterricht, sondern ein erlebnispädagogischer Kurs.

Als unsere Klasse vor dem Schloss ankam, wurden wir erst einmal von den Gruppenleitern begrüßt, die später unsere Gruppen leiten sollten (ach nee!). Doch diese (Gruppen) wurden erst einmal eingeteilt. Es durften sich immer 3 Personen zusammenfinden, die unbedingt zusammen sein wollten. Diese 3er-Gruppen wurden dann anhand eines Spieles (Tiere nachäffen) zusammengelost. Die jetzt entstandenen 9er-Gruppen sollten die nächsten 6 Tage lang eng miteinander kooperieren, damit sie die einzelnen Aufgaben lösen können. Zunächst wurden die Zimmer verteilt: Die gesamte Klasse wurde im 1. Stock einquartiert. Mädchen: Rechter Flügel; Jungen: Linker Flügel. Die Zimmer waren relativ modern ausgestattet: 6 Betten (Doppelstock- und Einzelbett), Tische, Nachtlampen, alles war da, was man für eine komfortable Übernachtung benötigt. Später sollten sich alle Gruppen untereinander vor dem Schloss treffen. Erst einmal hat sich der Gruppenleiter vorgestellt: Er hieß Uwe, war um die 30 Jahre alt, immer noch Junggeselle usw. Danach war es für uns an der Reihe uns vorzustellen. Das wurde natürlich traditionell in einem Spiel absolviert. Nun gab es die erste Aufgabe: Vier Baumstümpfe standen auf der Wiese. Wir bekamen 2 unterschiedlich lange Bretter und den Auftrag, über den "Fluss" zu kommen, natürlich ohne herunterzufallen. Schwierig, da mindestens 5 Leute sich auf ihnen aufhalten sollten. Die Stümpfe wiesen Kerben auf, in welche die Bretter eingepasst werden konnten. Ein paar Anläufe haben wir benötigt, doch immer fiel jemand hinunter. Die ganze Gruppe durfte noch einmal von vorne anfangen. Zum Schluss stellten sich einfach alle 9 Leute auf das jeweilige Brett und hielten sich gegenseitig fest. So haben wir es geschafft.

Als nächstes sollten wir Paare bilden, die sich abwechselnd die Augen verbanden und durch die 3 Hektar große Parkanlage führten. Eine Übung, um auf den Partner zu vertrauen, was noch für den nächsten Tag wichtig war. Zum Abschluss durften wir noch "The Wall" absolvieren, eine 2 Meter hohe glatte Wand, die wir erklettern sollten. Jeder musste von unten, wie von oben (wenn man schon dort angelangt war) Hilfestellung für den Kletternden leisten. Ziel war es, dass die gesamte Gruppe die Holzwand ersteigt. Nach dieser schmutzigen Aktion, war es schon Abend und der Tag ging zur Neige. Wer jetzt denkt, dass wir all diese Übungen, die ja ab und zu ziemlich hart waren, machen mussten, der sei informiert: Wir durften alles freiwillig absolvieren, ganz ohne Zwang.

Der nächste Tag wurde fast ganz vom "Seilgarten"-Training ausgefüllt: Der Seilgarten ist ein 8 Meter (!) hoher Parcours, der am Rande des Schlossparks steht. Schon die Einleitungen und die Ankündigung der Sicherheitsvorschriften beanspruchten den halben Tag. Besonders die Sicherungsmethoden mussten wir uns einprägen, denn ein Sturz aus 8 Meter Höhe ist ja bekanntlich nicht sehr gesund. Danach ging es los: Einer durfte den Parcours über eine Art Leiter betreten und die einzelnen Abschnitte absolvieren. Man durfte selbst entscheiden, was man sich zutraut. Während der eine sich oben austobte, hielten die beiden anderen auf dem Erdboden das Leben des Mutigen in der Hand. Sie mussten ihn sichern, denn wenn er ausrutschte hielten diese beiden ihn in der Hand. Es ist nicht sehr angenehm, stundenlang den Kopf im Nacken zu halten und gleichzeitig noch ein Leben in der Hand zu halten. Doch der da oben hatte seinen Spaß: Über Baumstämme laufen, sich an Glockenseilen hangeln, auf Reifen schaukeln und sogar an ein Trapez springen. Wenn man nicht gerade schwindelfrei ist, macht das natürlich nicht Freude, sondern Angst, deswegen wollten auch manche gleich nach dem Besteigen wieder heruntergelassen werden. Wer nicht will, der hat schon!

Am nächsten Tag begann der eigentliche Hauptteil unseres Kurses: Ein dreitägiger Ausflug in die Uckermark mit komfortabler Waldübernachtung. Wir sollten erst einmal alles planen, was wir mitnehmen wollen, also Zelte, Schlafsäcke, Isomatten etc. Ebenso war es unsere Aufgabe, einen Einkaufszettel zu erstellen und die Route zum Zielpunkt zu planen. Danach konnten wir uns die aufgeschriebenen Gegenstände bei der Materialausgabe abholen. Die Sachen wurden in ein Auto geladen und zum ersten Zielpunkt gefahren. Dort konnten wir sie für die Übernachtung abholen. Doch erst einmal dorthin kommen! Das wurde mit Fahrrädern bewältigt. Wir bekamen Proviant und 10 hübsche 7-Gang-Bikes, mit denen wir schon bald die Landstraßen der Uckermark unsicher machten. Der Weg nach Feldberg (1. Zielpunkt) war 22 Kilometer lang. Eine Strecke, die wir in 3 Stunden schaffen sollten. Zwischendurch gingen wir die Lebensmittel einkaufen, die wir uns aufgeschrieben hatten. Einige Stürze und Platten machten uns während der Hinfahrt ganz schön zu schaffen, das war auch der Grund, warum wir eine Stunde zu spät am Treffpunkt ankamen. Dort allerdings bekamen wir unsere Kajaks. Richtig! Kajaks, mit denen wir uns den ganzen nächsten Tag über bewegen sollten. Ein paar hübsche Seen gibt es schon in der Uckermark. Doch dazu war es erst einmal zu spät. Das Einzige, was wir mit den Kajaks noch machen mussten, war eine Kenterübung. Wir sollten unser Boot zum Schaukeln bringen, damit wir umkippten. Und das bei einer Wassertemperatur von ungefähr 12 Grad. Das war zwar nicht angenehm, musste aber leider sein, damit wir am nächsten Tag mit den Kajaks fahren durften. Nach der "Erfrischung" schlugen wir unsere Zelte auf und kochten erst einmal Abendbrot. Dazu machten wir noch ein Lagerfeuer und spannten richtig aus. Um 23.00 Uhr ging es ins Bett. Oder besser in den Sack, denn wir schliefen ja in unseren Schlafsäcken, auf den Isomatten, im Zelt. Die, die sich entschieden hatten draußen zu schlafen, wurden allerdings durch zahlreiches Rascheln, Knistern und Käuzchengeheul schnell zurück ins Zelt getrieben. Am nächsten Morgen taten sich erst einmal alle schwer mit dem Aufstehen. Zwar freuten sich die Meisten auf die Kajak-Tour, doch gestern waren auch manche ein bisschen spät ins Bett gegangen. Als alle ausgeschlafen waren, aßen wir Frühstück und planten die weitere Route. Danach wurde alles zusammengepackt. Die Teller und Tassen aus Metall wurden abgewaschen, ebenso die Spiritus-Kocher, unvermeidliche Camper-Ausrüstung, und alles wurde auf die Kajaks gepackt bzw. gestopft, sehr viel Platz hatten wir nämlich nicht für unsere gesamte Ausrüstung. Danach ging es los: Alle nahmen in den 2 Mann fassenden Kajaks Platz, zogen sich die Schwimmwesten und Spritzdecken über und fuhren ab. Bis zum nächsten und letzten Zielpunkt waren es 16 km, wieder mit Zwischenstop zum Einkaufen. Die erste Hälfte hatte man dauernd Angst, dass das Boot umkippen würde, wackelte es doch manchmal so bedrohlich. Es ist die Hölle in einem kleinen Kajak zu sitzen, das dauernd schaukelt, zu wissen, dass man das Zelt,den Schlafsack und andere wichtige Sachen drinnen hat, die, wenn das Kajak kippt, ja untergehen könnten. Zudem kommt noch hinzu, dass das Boot dauernd in eine andere Richtung abdriftet und, selbst wenn man korrigiert, immer noch fröhlich weiter in die falsche Richtung fährt. Da ist man echt froh, wenn man am Abend endlich anlegt und wieder festen Boden unter den Füßen hat.

Wir waren auf dem zweiten Campingplatz angekommen. Doch hier musste man zahlen und Platzvorschriften beachten, wie z.B. nicht über 100 db laut sein (was bei unserer Gruppe leider manchmal der Fall war) und um 8.30 geht das Licht aus, das war nicht so wie bei dem anderen öffentlichen Campingplatz. Glücklicherweise durften wir etwas kochen, was wir dann auch prompt getan haben. Heute gingen alle früher ins Bett. Zu anstrengend war der Tag, zu müde waren alle. Und diesmal wurde die Nacht auch nicht von Knistern und Rascheln gestört, nein, wir konnten ruhig durchschlafen. Am nächsten Morgen wurden wir dann abgeholt. Die Kajaks wurden mit dem Laster mitgenommen und die Fahrräder wieder an uns ausgehändigt. Wir hatten uns entschieden, mit den Fahrrädern auch wieder zurückzufahren. Wir hätten natürlich auch mit dem Auto fahren können. Der Rückweg verlief ähnlich wie der Hinweg: Schöne grüne Landschaften, Maisfelder und Apfelbäume en masse. An diesem Tag haben wir dann nichts weiter Besonderes gemacht.

Der vorletzte Tag war der Abschlusstag. Die Feier fand auf einem Gutshof statt. Doch den sollten wir erst einmal finden. Wir wurden irgendwo im Nirgendwo ausgesetzt und bekamen ein Schreiben in die Hand gedrückt, welches uns den Hinweis gab, in Richtung 280 Grad auf dem Kompass zu gehen. Zwischendurch bekamen wir Aufgaben von unserem Gruppenleiter gestellt, der sich übrigens während der gesamten Klassenfahrt aus unseren Planungen heraushielt, außer es war total bescheuert, was wir vorhatten. Wir sollten Schmuck für das Fest sammeln, ein Kilogramm Tannenzapfen schätzen, ein Ei aus 5 Metern Höhe auf Betonboden fallen lassen, ohne, dass das Ei zerbricht und mit nur ½ Meter Bindfaden und sämtlichen Materialien des Waldes zur Hilfe und als Letztes sollten wir einen Baum, der uns gezeigt wurde aus 20 Meter Entfernung blind erreichen. Endlich am Gutshof angekommen gab es Mittag und später Abendbrot. Wir konnten uns endlich wieder ausruhen, einen Grillabend feiern und - als Krönung - einen Sketch ausdenken. Jede Gruppe führte auch eine (mehr oder weniger) lustige Szene aus ihrer 3-Tage-Tour vor. Geschlafen wurde diese Nacht entweder auf dem Betonboden oder im Heu, natürlich wieder in den schon sehr beliebt gewordenen Schlafsäcken. Am Samstag dem 26.9.1998 ging unsere Klassenfahrt dann auch endgültig zu Ende. Nach einem wirklich grandiosem Frühstück holten uns unsere Eltern ab, wir bekamen noch Teilnahme-Urkunden und dann ging es schon wieder nach Hause. So ziemlich kein Schüler war unzufrieden mit dieser Klassenfahrt. Deshalb ein Aufruf an alle Lehrer: Quält eure Schüler nicht weiter mit stinklangweiligen Klassenfahrten! Macht mit ihnen einen "Outward Bound"-Kurs! Wir garantieren Ihnen, es wird Sie und vor allem die Schüler begeistern! "Outward Bound": Die (mehr oder weniger) andere Klassenfahrt!


mehr Fotos
Written by: Julius Kündiger, Absolvent eines "Outward Bound"-Kursus im Schloss Kröchlendorff