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| Cornelius Zippel | |
| 10 Jahre Arnim Wetzler Ja schön guten Abend, mein Name ist Arnim Wetzler. Ich freue mich, mit ihnen heute Abend Silvester feiern zu können und begrüße sie recht herzlich in meinem Heim. Zuvor jedoch, habe ich mir gedacht, erzähle ich ein wenig von mir. Ach, wenn sie nicht alles verstehen sollten, ich habe mir ja für so etwas das neue Herder-Anarchos-Universallexikon zu gelegt, (hebt dünne Broschüre vom Tisch mit dem Titel) man weiß ja nie. (Pause) So. . . bin bißchen aufgeregt, wo fange ich am besten an?! (guck in der Gegend herum ... sieht auf seinen am Boden liegenden Sohn) (geht auf ihn zu, energisch) Marco! Marco rauchst du etwa wieder Haschisch?! Wie oft soll ich es dir noch sagen? Zum letzten Mal jetzt! Draußen! Wir haben Gäste! (setzt sich wieder hin) Früher hat es so etwas nicht gegeben! (Pause) Früher hatten wir ja das rote System. Ist man ja eigentlich ganz gut mit ausgekommen. Zeiten ändern sich, Systeme ändern sich und mittlerweile haben wir das blaue System (hält 100 DM-Schein hoch). Aber so schlimm war die Umstellung gar nicht: Der Arbeitsplatz heißt nicht mehr Betrieb, sondem Firma. Am 3. statt am 7. Oktober frei. Zu Silvester nicht mehr Rotkäppchen-Sekt, sondern Mumm. Apropos, ist ja gleich so weit, nur noch ein paar Minuten. Ich finde es hier richtig schön. Damals haben wir ja im Osten gewohnt und nach der Wende sind wir dann nach West Berlin. (Rufe aus Publikum: versteh ich nicht etc., liest im Lexikon) West Berlin: ehemaliges Bollwerk der freien Welt in der ostzonalen Taiga. Über 4 Jahrzehnte aus dem Bundeshaushalt gepappelte Stadt am Tiergarten, in der sich im Laufe der Zeit eine betrachtliche Anzahl westdeutschen Wehrdienstschwänzern, schwabischen Oberschülerinnen und steuerflüchtigem Kapital angesammelt hatten, dazwischen siedelten anatolische Grillburgen umd eine Art schmärbauchiger Kampfhund, auch als Urberliner bekannt. Jahrelang wurde hier Politik verfilzt, Heroin verköstigt und das Trottoir verkotet. Als der Vorhang fiel stand nicht der Ruski vor der Tür, nein der Ossi hatte sich mit seinem Zauberspruch "Wir sind das Volk" Zugang zu Aldi und den Rentenkassen verschafft. Seitdem ist Berlin die Hauptstadt von Absurdistan. Im Schlaglicht der Currywurst reift ein protziges Regierungsviertel heran, mit dem die Deutschen noch mal alles geben, bevor Europa die Staatsmächte zu Provinzen degradiert. Während Weltkonzerne ihre Potemkinschen Konzernzentralen am Potsdamer Platz in den märkischen Sand rammen, wird in Tegel der letzte Direktflug nach Amerika gestrichen. Berlin, das ist der Traum so zu sein, wie London und Paris, doch ist die Stadt auf dem Weg das größte Durchgangslager des Kontinents zu werden. Holländische Tulpen für Weißrußland, polnische Zigaretten für Bielefeld, alles macht Halt in Berlin. Das ehemalige Spreeathen war einst die größte Kleinstadt der Welt, mit seinem Ku'damm, piefigster Boulevard Europas, dem peinlichen Europacenter umd die kaputte Kirche dazwischen. Das war Weltniveau im Westentaschenformat. Gleich gegenüber die Hauptstadt der Tatara und im Gegensatz zu dieser nordkoreanisch überarbeiten Trümmerlandschaft sah der Wessihorchposten noch ganz passabel aus. Mit der Zonenmetropole starb auch der Hochmut der Inselmenschen. Heute glänzt der Osten mit chicen Büroneubauten und netten Eigenheimsiedlungen. Berlin eine fast moderne Stadt mit allen Problemen und Faszinationen einer wirklichen Metropole. Nur früher war eigentlich alles schlechter: Kein richtiges Auto, keine schöne Tapete, keine Coca-Cola (überlegt) ach und keine Meinungsfreiheit . (Wieder Ruhe, liest im Lexikon) Meinungsfreiheit: Begriff aus der westlichen Kulturgemeinschaft. Beschlossen in geistiger Umnachtung nach einen durchzechten Politikerabend. Diese fundamentale Rechtseinräumung ermöglicht es jedem Bundesbürger, obwohl über 100% von ihnen keine Tucholskys sind und auch kein anarchisches Monatsblättchen verlegen, überall ihren Senf dazu zu geben. Beispiel: Man führt Gäste durch die Räume der neuen Wohnung. Stolz geschwellt wird das exakt nach dem Katalogvorbild gestaltete Badezimmer präsentiert. Prompt klatscht die erste Meinungsfakalie auf die blutenweiße Kachel. "Hätte ich so nicht gemacht, aber kann ja jeder machen, wie er will." Eine der perfidesten Arten des Meinungsterrors. Das mal soeben dahingeschlanzte Todesurteil für die sündhaft-teure Naßzelle kommt gänzlich ohne Argumente daher und sonnt sich auch noch in der Generosität der Toleranz gegenüber andersartigen, jedoch nicht nachvollziehbaren Badezimmerentwürfen. Auch zu weltpolitischen Themen äußert sich der Meinungsterrorist: "Da in Bosnien oder wie das da heißt, ich sag immer zehn deutsche Planierraupen und die Sache wär vom Tisch." Tiefbau als humanitare Hilfe, wie schon! Warum gibt es nicht Abfallkontainer für braune Meinung, grüne Meinumg und was sonst noch alles, wo sich der zur Meinung genötigte einfach seinen Kopf in die runden Löcher hält und sein Bla in die schallisolierten Behälter labert. So lange diese drängende Entsorgungsfrage nicht gelöst ist muß jeder unbescholtene, der sich in die Öffentlichkeit wagt darauf gefaßt sein, Opfer der freien Meinungsäußerung zu werden. So noch 30 Sekunden, zählen sie bitte alle mit . . . 5. . . 4. . . 3. . . 2. . . 1. . . 2000! (alles Licht geht aus, Verwunderung) |