DIE ZEIT - LEBEN


36/2004

Gott zieht aus

Zum ersten Mal wird in Berlin die Kirche einer intakten Gemeinde verkauft. Am vergangenen Sonntag nahmen die Kirchgänger unter Protest Abschied

von Mark Spörrle

Am Tag des Auszugs seiner Gemeinde aus dem Paradies trägt Pfarrer Niklas Weinges, 69, kein Messgewand. Er ist in einem schon etwas abgeschabten Blouson gekommen, er macht nie viel Aufhebens um sich – erst recht nicht heute. Den Inhalt des Tabernakels, des Speisekelchs mit der geweihten Hostie, hat er vor Tagen ganz im Stillen aus der Kirche geholt. Er hat versucht, einen Interessenten für den Altar zu finden, bislang ohne Erfolg. Der Altar ist schlicht, achteckig und aus Holz, und vor 26 Jahren stand Pfarrer Weinges zum ersten Mal hinter ihm.

Damals sah er in die Gesichter der vielen Menschen, die dicht gedrängt vor ihm saßen, und er war insgeheim erleichtert, dass diese Gesichter so freundlich waren. Gerade hatte er seine erste Pfarrerstelle angetreten, hier in der Kirche Regina Mundi in Berlin-Waidmannslust.

Jetzt ist es kurz vor neun am Sonntagmorgen. Etwa 150 Männer, Frauen und Kinder stehen um Pfarrer Weinges herum. Sie verteilen Schilder und Plakate. »Wut« steht darauf, »Trauer«, »Enttäuschung« und: »Unsere Kirche wird verkauft!«, »Regina Mundi wird verkauft!« Sie unterhalten sich leise.

Die Kirche Regina Mundi ist ein unauffälliger Flachbau aus verwaschenem Beton, 1970/71 gebaut. Dahinter steht ein weiterer Kasten, das Gemeindehaus. Es gibt keinen markanten Kirchturm, das Grundstück liegt an einer viel befahrenen Straße in einem Gewerbegebiet, der Nachbar ist Opel-Händler. Keine Kirche, vor der sich Brautpaare gern fotografieren lassen.

Pfarrer Weinges erfuhr von dem geplanten Verkauf aus der Zeitung, es war vor einem halben Jahr; der Brief des Erzbischöflichen Ordinariats kam später. Das war ein wenig ärgerlich, aber mit dem Verkauf der Kirche hatte er schon lange gerechnet. Nicht nur die Stadt Berlin steckt in einer schweren Finanzkrise, auch das katholische Erzbistum unter Kardinal Georg Sterzinsky hatte sich in der Nach-Wende-Euphorie finanziell heftig verspekuliert. McKinsey-Berater attestierten Anfang 2003 ein Haushaltsdefizit von 13 Millionen Euro. Ein erheblicher Rückgang der Kirchensteuereinnahmen in der Hauptstadt brachte das hoch verschuldete Bistum in weitere Bedrängnis. Nun will es ein Viertel aller »pastoral genutzten Flächen« vom Jugendheim bis zum Gotteshaus »abbauen«. Und die Pfarrgemeinde Regina Mundi ist klein, bedeutungslos, hat nur 1400 Mitglieder.

Für sie war es ein Schock: Hier in Waidmannslust passiert es zum ersten Mal in der Hauptstadt, dass eine etablierte, funktionierende Gemeinde ihr Gotteshaus verlassen muss. Dass das Kirchengelände dem Erzbistum gehört und nicht, wie oft, der Kirchengemeinde, macht die Sache für die Kirchenoberen zum einfachen Verwaltungsakt. Seit Juli übernimmt das Erzbistum die Betriebskosten für die Kirche nicht mehr. Und sobald sich ein Käufer finde, hörten die Gläubigen, müssten Grundstück und Kirche binnen vier Wochen komplett geräumt sein.

Buddhisten interessieren sich für das Gebäude

Den Käufer habe man noch nicht, sagt Bistumssprecher Stefan Förner am Telefon, immerhin habe eine buddhistische Gemeinde schon Interesse gezeigt. Zwischendrin sorgte die Nachricht für Aufregung, eine Dame vom Bau- und Gebäudemanagement des Bistums habe das Grundstück benachbarten Autohäusern angeboten. Das sei ein Missverständnis gewesen, betont Förner. Und genau genommen sei Regina Mundi ja nicht mal eine richtige Kirche. »Ein Mehrzweckbau mit sakralem Akzent«, zitiert Förner aus einem Kirchenführer. Dann erzählt er von anderen Gotteshäusern im Bistum, die von ihren Gemeinden so geliebt würden, dass man sie keinesfalls schließen wolle. Hier aber, sagt Förner dann, »gibt es unserer Einschätzung nach keine solche emotionale Beziehung.«

Vor der Kirche formiert sich der Demonstrationszug. Gegen so vieles wird im Land protestiert, so vieles scheint unsicher, brüchig in diesen Tagen, der Arbeitsplatz, das soziale Netz. Und jetzt ist auch die Kirche in Gefahr. Der sonntägliche Gottesdienst, die Gemeinschaft, die immer noch Halt gab, auffing. Vorneweg gehen die Plakatträger, dann die Messdiener, anders als ihr Pfarrer im Kirchengewand, dann die übrigen Gemeindemitglieder. Kinder schwenken Holzklappern, Tröten und mit Reis gefüllte Plastikdosen, junge Väter ziehen Handwagen mit der Marienstatue, dem hölzernen heiligen Antonius, den Messbüchern, der Osterkerze. Was sie aufrege, sei nicht mal so sehr, dass die Kirche geschlossen wird, sagen sie. Sondern dass dies vom Bistum, von oben, per Dekret bestimmt wird, statt sie, die Kirchenmitglieder, miteinzubeziehen. Fast so, als handle es sich um nichts anderes als um die Kündigung einer Gewerbehalle.

Die Gemeindemitglieder haben beschlossen, nicht zu warten, bis man sie vor die Tür setzt, sie wollen in Würde gehen. Ziel des Zuges ist die Kirche Maria Gnaden im benachbarten Hermsdorf, die für viele hier die neue Kirche sein wird – zumindest für jene, die den weiten Weg nicht scheuen. In ein paar Stunden wird Pfarrer Weinges dort in einer Predigt sagen, dass Veränderung und Neuanfang einfach zum Menschen gehören. Schließlich gehe es beim Glauben ja um die Menschen, sagt er, nicht um Gebäude. »Das mit der Kirche ist natürlich hart. Ich leide mit den Menschen, aber wir haben das schon lange kommen sehen, und es geht nicht anders.« Er sei ein nüchterner Mensch, sagt er.

Die Emotionen schlugen eher bei anderen hoch. Es gab Leute, die hätten am liebsten die Kirche besetzt und sich heraustragen lassen. Eine von ihnen ist Sonja Böhm. Sie trägt Schwarz, aus Trauer, sagt sie. Sie hält Abstand, als der Umzug sich lautstark in Bewegung setzt, die Straße entlang hinter einem Polizeiauto her. Die meisten Leute seien heute gar nicht gekommen, sagt sie, dieser symbolische Auszug mache sie zu traurig.

Für einige war die Kirche ein zweites Zuhause

32 ihrer 39 Lebensjahre war die Kirchengemeinde Regina Mundi für Sonja Böhm wie ein zweites Zuhause, von dem Zeitpunkt an, als ihre Eltern mit ihr in die Rollbergsiedlung zogen – eine Trabantenstadt mit sechs-, siebenstöckigen Häusern, die ein paar hundert Meter hinter der Kirche und den alten Waidmannsluster Einfamilienhäusern beginnt. Jeden Sonntag sei sie zur Kirche gegangen, erzählt Sonja Böhm, schwärmt von Kirchenfesten, Jugendfreizeiten, Zeltlagern mit Lagerfeuer und Gesprächen über den Glauben, die tolle Gemeinschaft, die vielen Freunde. Auch ihren Mann Peter hat sie so kennen gelernt, mit 17, er gehörte zur Nachbargemeinde Christkönig, sie trafen sich beim Fußballspielen, Regina Mundi gegen Christkönig, die Jungs spielten, die Mädchen feuerten an. Nach zehn Jahren haben sie geheiratet. Heute sind beide Lehrer an der katholischen Schule im Viertel, und immer sind sie hergekommen, »der Gemeinschaft wegen«. An ihrem Schlüsselbund trägt Sonja Böhm noch den Schlüs sel vom Gemeindehaus, manchmal habe sie ihn jeden Tag gebraucht, sagt sie, für Gruppenstunden, Feste, Gesprächskreise. Hier sind auch ihr Sohn und ihre Tochter getauft worden, zur Kommunion gegangen. Jetzt laufen die zwei bei der Umzugsdemonstration ganz vorn als Messdiener mit.

»Das, was innerhalb der katholischen Kirche abläuft, repräsentiert nicht mehr das, was Jesus getan hat«, sagt Sonja Böhm sehr ruhig. Falls sie wütend ist, so zeigt sie es kein bisschen. Wegen der Finanzmisere des Bistums Kirchen zu schließen, das sei das Falsche in der heutigen Zeit, in der alles so groß, unübersichtlich und unsicher geworden sei – es müsse Orte, kleine Gemeinschaften geben, wo sich die Menschen noch kennen, geborgen fühlen. Für viele aus der Rollbergsiedlung, glaubt sie, sei das jetzt vorbei, da habe längst nicht jeder ein Auto, und der Bus brauche lange bis zur Kirche nach Hermsdorf. Auch für sie sei es vorbei, sagt Sonja Böhm. Sie werde vorerst nicht in die andere Kirche gehen, sie werde überhaupt in keine Kirche gehen, sie werde erst mal eine Auszeit nehmen. »Für mich ist das, als ob meiner Seele das Zuhause genommen wird.«

Sonnenlicht fällt durch die Bäume am Straßenrand, der Umzug führt vorbei an gelb gestrichenen Häusern mit großen Balkons. Nur wenige Menschen sind so früh am Sonntag unterwegs, um den Demonstrationszug zu sehen, die Plakate zu lesen.

Pfarrer Weinges geht an der Spitze des Zuges, nicht in der Mitte, sondern am Rand, als wolle er zeigen, dass es auf ihn nicht so ankäme. Als er als junger Pfarrer 1978 nach Waidmannslust kam, politisiert von den 68ern, beeindruckt vom Zweiten Vatikanischen Konzil, von dem sich die Gläubigen eine Öffnung der katholischen Kirche versprachen, passte die unkonventionelle Architektur des Gotteshauses gut zu seinen kurzen, lebensnahen Predigten. Der Baumeister wollte die Welt in die Kirche bringen, der Innenraum von Regina Mundi ist zweigeteilt: auf der einen Seite der kleine Anbetungsraum, auf der anderen Seite der große Mehrzweckraum mit den gelben Wänden und den blauen Stuhlreihen. Hier hielt die CDU früher Bezirksversammlungen ab, fanden Faschings- und Altenfeste statt, und Konzerte, für die man den Altar einfach zur Seite rückte.

»Damals fanden viele diesen Raum schön«, sagt Weinges, »das ist heute anders.« Die Menschen mochten auch die fortschrittliche Art des neuen Pfarrers. Dass er nichts dagegen hatte, wenn Kinder in der Kirche mal nicht so leise waren. Dass er Kirchengruppen, welchen auch immer, den Schlüssel zum Gemeindehaus gab und voller Vertrauen sagte: »Nun macht mal.« Dass er als einer der ersten Pfarrer im Umkreis auch Mädchen messdienen ließ. Und dass es in seiner Kirche immer eine Selbstverständlichkeit war, dass, für die Kirchenhierarchie bis heute undenkbar, evangelische Christen, die mit einem Katholiken zusammenleben, mit in die Kirche kommen und auch mit zur Kommunion gehen konnten. »Freiheit des Denkens« ist das, was vielen Gemeindemitgliedern immer noch als Erstes zu Pfarrer Weinges einfällt.

Manfred Lambertz trägt ein Schild mit der Aufschrift »Kardinalfehler«, seine Frau Irmgard schiebt hilfsbereit den Rollstuhl einer Bekannten. Die Lambertz sind Ende 50, sie wirken gut gelaunt, so als wollten sie sich auf keinen Fall unterkriegen lassen. Schon vor 20 Jahren gingen sie hier in die Kirche. Die war immer so voll, dass die Lambertz nur noch auf den Bänken über den Heizungen Platz fanden. Zum Gottesdienst kamen damals auch viele aus dem benachbarten Hermsdorf; dort war ein alter katholischer Pfarrer, der lange und theoretisch predigte und mit Kindern wenig anfangen konnte, weswegen selbst sein eigener Küster sonntags samt Familie nach Regina Mundi in die Kirche ging. In späteren Jahren fanden die Lambertz auf den blauen Stühlen Platz, denn es kamen immer weniger zum Kirchgang. So war es anderswo auch, aber in Regina Mundi lag das nicht nur an den rückläufigen Kirchenbesucherzahlen, sondern auch daran, dass sich die Anhänger von Pfarrer Weinges nun auf mehrere Kir chen verteilen konnten: 1981 übernahm der als einer der ersten Pfarrer zusätzlich eine zweite Pfarrei, die in Hermsdorf. Wieder einige Jahre später übernahm er auch noch die andere Nachbarpfarrei, Christkönig in Berlin-Lübars.

Die Finanzkrise des Bistums kostet 400 Menschen ihren Arbeitsplatz

Es waren die Zeiten des Priestermangels in der katholischen Kirche, und ohne es zu wissen, nahm Pfarrer Weinges damit das Sparprogramm des überschuldeten Erzbistums ein Stück vorweg: Im April wurden die drei Gemeinden zur Großgemeinde Maria Gnaden fusioniert. Weinges hat im Vorfeld viel nachgedacht. Er habe konstruktive Vorschläge gemacht, sagt er, nicht nur zu den Sparplänen, auch, dass man zugleich doch von Laien gehaltene Wortgottesdienste am Sonntag einführen sollte, damit es für die Menschen trotz Kirchenschließungen und Mitarbeiterabbau nicht so weit bis zum nächsten Gottesdienst sei. Seine Vorschläge seien von den Kirchenhierarchen nicht aufgegriffen worden. »Alles ist weggeputzt worden«, sagt er, und seine Stimme klingt auf einmal doch bitter. Jetzt mache er keine Vorschläge mehr.

In seiner neuen Großgemeinde musste nach der Fusion nicht allzu viel Personal abgebaut werden. Schon seit Jahren gibt es ein gemeinsames Pfarrbüro. Einer der Organisten wurde abgefunden, der andere ging ohnehin in den Ruhestand, will aber weiter kommen und spielen, denn für einen neuen, bezahlten Organisten ist ja kein Geld da. Auch der Kaplan, dessen Stelle im Zuge der Kirchenfusion offiziell weggefallen ist, will noch eine Zeit lang helfen.

Irmgard Lambertz weiß noch nicht, ob auch sie einfach weitermachen will. Bis sie im Mai in Altersteilzeit ging, arbeitete sie über zehn Jahre lang in der Gemeinde, erst als Pfarrsekretärin, dann als pastorale Mitarbeiterin. Man könnte auch sagen, als Mädchen für alles: Sie organisierte und leitete Kindergruppen, Frauengruppen, Eltern-Kind-Gruppen. Sie bereitete große Feste vor, Kinderfeste, Ostern, Weihnachten. Sie kümmerte sich mit freiwilligen Helferinnen um den Kirchenschmuck, machte die Blumengestecke zum Teil selbst, mit Blumen aus dem Kirchgarten. »Es durfte ja alles nicht viel kosten«, sagt sie. Zu Weihnachten baute sie die Krippe in der Kirche mit auf, radelte mit dem Fahrrad zum Laden, wenn im Gemeindehaus Toilettenpapier oder Apfelsaft fehlte. Der Halbtagsjob, für den man sie bezahlte, reichte längst nicht dafür, sagt sie, teilweise habe sie 40 Stunden und mehr gearbeitet. »Meine Frau ist in der Zeit wenig zu Hause gewesen«, sagt Manfred Lambertz. Ihn verpflichte te sie gleich mit, zum Sortieren von Liederheften abends am Küchentisch oder zum Schneeschippen am Heiligabend vor der Kirche, damit die alten Leute dort nicht stürzten.

Dass das erzbischöfliche Ordinariat jetzt weiter Stellen an der Basis einspart, gibt Manfred Lambertz zu denken. Über 400 Menschen verlören im Zuge von Fusionen und Entlassungen ihre Arbeit im Erzbistum Berlin, »aber man muss sich doch fragen: Wie ist es zu dieser Finanzkrise gekommen, wo liegen die Gründe?« Eine Ursache für die rückläufigen Mitgliederzahlen, die zurückgehenden Einnahmen sieht Lambertz in der ignoranten Haltung der Amtskirche gegenüber aufopferungswilligen Laien. Gerade diejenigen, die sich engagierten, müsse man ernst nehmen, mitreden lassen bei der Gestaltung von Gottesdiensten, vielleicht auch beim Verkauf einer Kirche. »Nicht nur kirchliche Strukturen, jeder Einzelne ist doch fähig zu denken, zu handeln, etwas zu tun«, sagt Lambertz wütend.

Als der Umzug vor der Kirche Maria Gnaden ankommt, gebaut 1934, eine Kirche mit einem richtigen Turm, bleiben die Leute aus Regina Mundi stehen, auch noch, als Pfarrer Weinges in die Tür tritt und ihnen winkt. »Falls jemand in die Kirche möchte: Sie können jetzt rein«, ruft Weinges. Die ersten Umzugsteilnehmer gehen an ihm vorbei in die Kirche, dann strömen immer mehr hinterher.

Pfarrer Weinges zieht das Messgewand für den Gottesdienst über. Ein Jahr lang wird er noch arbeiten, mit 70 wird er in den Ruhestand gehen. »Es ist beruhigend zu wissen, dass ich wenigstens das noch entscheiden kann«, sagt er.