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Berliner Blockade: Zeitzeugeninterview mit Frau Butz Das Interview führte Linda von Keyserlingk mit der Zeitzeugin Frau Butz |
| Frau Butz
über die Luftbrücke: "Eigentlich
ist es eine Zeit, die man am liebsten verdrängen würde." Frau Butz sitzt mit ihren 79 Jahren so lebendig und fröhlich vor mir, daß man ihr die schwere Zeit, die sie damals erlebt hat, gar nicht gleich anmerkt. Sie ist 1920 geboren, war also am Kriegsende 1945 25 Jahre und lebte mit ihren Eltern, die ein Möbelgeschäft betrieben, ihrem Großvater, ihrer Schwester und ihrem Bruder in einem Mietshaus in Berlin, Moabit. "Nicht weit lag das Siemensgelände, das die Alliierten als eines ihrer Bombenziele ausgesucht hatten. Moabit lag auf der Flugstrecke und so wurden oft die noch übrig gebliebenen Bomben auf dem Rückweg ziellos abgeworfen. Die Häuser fingen oben an zu brennen und das Feuer fraß sich meistens unaufhaltsam bis auf die Grundmauern durch. So haben auch wir 1943 unsere Wohnung und das Geschäft verloren und uns wurde ein neuer Wohnort in Frohnau zugewiesen. Alle Ausgebombten wurden systematisch auf intakte Wohngebiete aufgeteilt, und bekamen Zimmer bei anderen Familien. Das Haus, in das wir eingewiesen wurden, gehörte einer Familie aus Westdeutschland und stand zur Zeit leer. Trotzdem durfte die ganze Familie zuerst nur ein einziges Zimmer bewohnen." |
| Und Ihr
Bruder wurde nicht eingezogen? Nein, vorerst nicht. Er war 18 Jahre und Medizinstudent. Deshalb blieb er zuerst verschont, doch am Ende des Krieges wurde er doch noch eingezogen und nach Osten verschickt. Als Deutschland kapituliert hatte, begann eine lange Wartezeit auf Verwandte und Bekannte. Dieses Warten und diese Ungewissheit war fürchterlich. Es war eine Zeit der Angst. Eines Tages kamen fremde Leute mit den Papieren meines Bruders zu uns und berichteten, daß dieser im Frühjahr `45 von russischen Soldaten erschossen wurde. Er hatte erfrorene Fersen, und konnte deshalb nicht laufen. Die deutschen Bauern hatten Angst, am Ende des Krieges einen deutschen Soldaten zu beherbergen. So blieb er allein im Wald, bis die Russen auf ihn stießen. Wie haben Sie die Einnahme Berlins durch die Russen erlebt? Sie kamen die große Straße (B96) entlang, gingen in alle Häuser hinein und nahmen sich, was sie brauchen konnten. Wir Frauen versteckten uns auf dem Dachboden, bis sie wieder aus dem Haus waren. Wenn ein russischer Soldat ein Mädchen bedrängte, war es üblich, daß die Mutter, oder auch ein anderer aus dem Haus, Kochtöpfe nahm und sie am offenen Fenster gegeneinander schlug. So wußten die Nachbarn bescheid und kamen, um dem Mädchen zu helfen. Wie lief das mit der Lebensmittelversorgung? War das ein Problem? Am Anfang hatten wir in Frohnau als unbekannte Käufer noch große Nachteile. So bekamen wir für unsere Marken manchmal nur einen Fischkopf, während die dem Verkäufer bekannten Kunden die guten Stücke erhielten. Aus diesem Grund fuhr meine Mutter nicht selten zurück nach Moabit, wo wir mit den Verkäufern noch bekannt waren, um für uns alle einzukaufen. |
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Womit haben Sie sich denn in der Nachkriegszeit Ihr Einkommen gesichert? Der erste französische Soldat, der bei uns wohnte war immer bestens informiert, was im Moment auf dem Schwarzmarkt gefragt war. So sagte er eines Tages, daß er unbedingt Pantoffeln brauche, weil sie sich jetzt gut verkaufen ließen. Da ich handwerklich schon immer geschickt war, fertigte ich aus unserer Teppichunterlage einige Filzpantoffeln an, die sich auch gut verkaufen ließen. Daraufhin machte ich bei einem Schuster eine vierwöchige Lehre und eröffnete dann bald meine eigene Schuhwerkstatt in Frohnau. Es lief gut, wir bekamen so viel Aufträge, so daß ich 5-7 Angestellte halten konnte. Zuerst fertigten wir Holzsohlen an, die wir dann mit dem von den Kunden mitgebrachtem Mantelfilz zu Schuhen verarbeiteten. Später schaffte ich es, russischen Steinfilz zu organisieren, der sogar, weil er so dicht und fest ist, für Schuhsohlen geeignet ist. Aber wir lebten sozusagen von der Hand in den Mund und waren den ganzen Tag in der Werkstatt. Einmal bekam ich einen Auftrag von Wertheim, Kinderschuhe herzustellen, aber da sie erst nach einigen Wochen zahlen wollten, konnte ich den Auftrag nicht annehmen. Ich hatte kein Geld, um Material zu kaufen. Was haben Ihre Eltern beruflich gemacht? Mein Vater war bei der Post angestellt, nachdem das Möbelgeschäft mit allen Möbeln verbrannt war. Aber eines Tages kam er nach dem Arbeitstag nicht nach Hause. - Wieder eine Wartezeit in Ungewissheit. Dann erfuhren wir, daß er auf dem Heimweg überfallen und erschlagen worden war, weil er sein monatliches Gehalt bei sich hatte. Meine Mutter erlernte keinen neuen Beruf, und da meine Schwester mir in der Werkstatt half, war diese Werkstatt eigentlich unsere einzige Geldquelle. Wie war das Klima in der Bevölkerung zur Blockadezeit? Die Menschen haben sich nicht für einander aufgeopfert, aber man hat sich geholfen. Aber im Grunde mußte jeder zusehen, daß er selbst irgendwie sein weiteres Leben neu strukturieren und aufbauen kann. Wie haben Sie während der Blockade die Zukunft eingeschätzt? Irgendwie war uns klar, daß die Blockade nicht sehr lange dauern kann. Doch für den Fall, daß die Westalliierten die Luftbrücke nicht bis zum Ende würden halten können, stand immer ein fertig gepackter Koffer in der Ecke, da wir auf keinen Fall in die Hände der Russen fallen wollten. Wir wären nach Hamburg gefahren, soviel stand für uns fest. Wie, das wußten wir nicht, aber irgendwie wäre auch das gegangen. Das wäre unsere Notlösung gewesen. Nur wegen der Blockade wären wir jedoch nie aus Berlin weggegangen, da hätte es schon viel schlimmer kommen müssen. |
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Katholische Schule Salvator - Projekt im Fach Politische Weltkunde - Zeitzeugeninterview mit Frau Butz Das Interview führte: Linda von Keyserlingk Illustrationen © 1997 Landesbildstelle Berlin Sitedesign © 1999 Thorsten Papkalla - tpapk@gmx.net |