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Berliner Blockade: Zeitzeugeninterview mit Herrn Wolfgang Scholz Das Interview führten Sebastian Boewer und Gordian Scholz mit dem Zeitzeugen Herrn Wolfgang Scholz |
| Dipl.-Ing.
Wolfgang Scholz Landesbranddirektor a. D. geb. 23. Juli 1932 in Berlin-Tegel 1951 Abitur an der Humboldt-Schule in Berlin-Tegel Studium an der TU Berlin, Fachrichtung Wirtschaftsingenieur-Wesen Anschließend Ausbildung für den höheren feuerwehrtechnischen Dienst als Brandreferendar mit Brandasessor-Examen an der Landesfeuerwehrschule in Münster/Westf. Ab 1962 im höheren Dienst der Berliner Feuerwehr Von 1988 bis zur Pensionierung im Jahr 1992 Leiter der Berliner Feuerwehr Nach der Wende Zusammenführung der Feuerwehren und des Rettungsdienstes in Berlin |
Wie haben Sie die Blockade persönlich erlebt? Als die Blockade begann, war ich 16 Jahre alt und besuchte die Humboldt-Schule in Tegel. Ich wohnte bei meinen Eltern, die in Berlin-Tegelort, das zum Bezirk Reinickendorf gehört, ein Grundstück besaßen. Der Bezirk Reinickendorf war der französischen Besatzungsmacht unterstellt und gehörte damit zu den Westsektoren Berlins. Mein Vater, bereits 1945 aus dem Krieg heimgekehrt, war wieder als Lehrer in unserem Ort tätig. Meine Mutter sorgte sich als Hausfrau um das "Sattwerden" der Familie, was bereits vor der Blockade kein leichtes Unterfangen war. Die berufliche Zukunft war zu diesem Zeitpunkt ungewiß. Mein Ziel war das Abitur. Was waren Ihre persönlichen Gedanken zum Ausbruch der Blockade? Die Berliner waren an Ungewißheit über ihre Zukunft und innere Unruhe seit Beginn der Viermächte-Verwaltung ihrer Stadt gewöhnt. Die Unstimmigkeiten zwischen den Sowjets und den westlichen Siegermächten blieben nicht ohne Wirkung auf die Bewohner. Seit Monaten zeichnete sich eine durch die Westmächte kaum noch zu verhindernde Spaltungsabsicht durch die Russen ab. Ein aktueller Auslöser dafür war die Nichteinigung der vier Siegermächte über eine einheitliche Währungsreform im besetzten Deutschland. Somit kamen die am Donnerstag, dem 24. Juni 1948, von den Sowjets über die Berliner Westsektoren eingeleiteten Blockademaßnahmen nicht überraschend. Trotzdem empfand ich Betroffenheit, Ratlosigkeit und Machtlosigkeit. Man verspürte als Bewohner der Westsektoren auch Angst darüber, daß die drei Westalliierten, bei allen Versprechen zuvor, am Ende ihre Rechte in Berlin zugunsten einer friedlichen Lösung für Mitteleuropa auf Kosten der Berliner aufgeben könnten, wenn sich für sie auf Dauer ein aussichtsloser Weg, in Berlin zu verbleiben, abzeichnen würde. Ich machte mir Gedanken darüber, wie zwei Millionen Menschen einer Stadt, abgeschnitten von den natürlichen Verkehrsverbindungen und Zugangswegen, versorgt und am Leben erhalten werden könnten. Obwohl logischerweise keine technischen Möglichkeiten zur Versorgung der Bevölkerung zu sehen waren, blieb ich hoffnungsvoll. |
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Wie klappte die Versorgung, gab es Lebensmittelkarten? Die Ausgabe von Lebensmitteln erfolgte bereits seit dem Krieg nur auf Lebensmittelkarten, die nach dem Krieg in geänderter Form und Art zur Sicherstellung der Versorgung der Bevölkerung mit Grundnahrungsmitteln beibehalten wurden. Nach meiner Erinnerung gab es vier Kategorien von Karten. Die Ausgabe der Karten erfolgte monatlich. In einzelnen Abschnitten waren die Ausgabeprodukte und Mengen, je nach Kategorie, unterschiedlich über vier Wochen verteilt festgeschrieben. Schwerstarbeiter und vergleichbare Beschäftigte erhielten die Karte I. Andere Arbeiter, Trümmerfrauen, Polizisten, Feuerwehrmänner u.ä. stand die Karte II zu. Angestellte, Lehrer und sonstige Lohnempfänger mußten sich mit der Karte III begnügen. Hausfrauen, alte und kranke Menschen sowie Kinder mußten mit der Karte IV auskommen. Allerdings gab es für Kinder noch Zusatzkarten, die zum Empfang von Milch u.a. berechtigten. Die Rationen waren eng bemessen und reichten allenfalls in den ersten beiden Kategorien zu einem Sattwerden in beschränktem Rahmen aus. Deshalb lernten wir nicht nur in der Kriegszeit, sondern auch während der Blockade die wenigen Schätze unseres Gartens und Hühnerstalls als lebensnotwendiges Zubrot zu achten! Neben den Lebensmittelkarten gab es auch noch die Kohlenkarte, die hin und wieder zum Empfang von einem Kasten Holz oder einem Zentner Kohlengrus berechtigte. Damit waren die Wohnungen und Häuser in der kalten Jahreszeit weder durchgehend zu beheizen noch die Küchenherde zu befeuern. So waren die Bürger der Westsektoren gezwungen, um wenigstens einen Raum der Wohnung oder des Hauses warm halten zu können, sich wo auch immer anderweitig Heizmaterial zu "organisieren". Da wir in Waldnähe wohnten, sah ich in den Herbst- und Wintertagen des Blockadejahres 1948 nach Anbruch der Dunkelheit Menschen, ob Mann oder Frau , ob bekannt oder unbekannt, mit verdeckten Geräten in der Hand oder Tasche, die leicht als eine Schrotsäge oder eine Axt auszumachen waren, in den Wald ziehen. Bald waren dann die dumpfen Geräusche vom Fällen eines oder auch mehrerer Bäume zu vernehmen. Doch schauten Förster und Polizei dem so organisierten Waldsterben nicht lange zu. Bei Verdacht wurden angrenzende Gärten und Gelasse von Polizei und Förster auf verschwundene Bäume durchsucht. Nach Tegelort fuhr, aus der Stadt kommend, noch die Straßenbahn der Linie 28. Als ich auf dem morgendlichen Schulweg in Alt-Tegel die Straßenbahn verließ, konnte ich oft erleben, daß dort, wo sich heute der Eingang zur U-Bahn befindet, mehrere beschlagnahmte Festmeter Holz aufgestapelt lagen. Diese waren nachts den illegalen Holzfällern aus der Stadt auf ihrer Heimfahrt mit der Straßenbahn von der Polizei abgenommen worden. |
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Wie waren die Lebens- und Arbeitsbedingungen dieser Zeit? Wir versuchten, soweit es ging, einem normalen Lebensrhythmus nachzugehen. Das war für mich als Heranwachsender und Schüler sicher etwas leichter als für meine Eltern. In der Schule fand der Unterricht in geregeltem Rahmen statt. Dort gab es erst in der Winterzeit gewisse Beeinträchtigungen, weil die Klassenräume nicht immer beheizt werden konnten. Eine Abhilfe waren mitgebrachte, sog. "Kanonenöfen", deren Rauchrohre aus den Fenstern einzelner Klassenräume schauten. Auch für das Heizmaterial hatten die Schüler selbst zu sorgen. Ab Herbst 1948 fanden in West-Berlin täglich Stromsperren statt. Diese Sperren beeinträchtigten das Leben in der Stadt wesentlich. In unserem Wohnort wurden die abendlichen Sperren nur unterbrochen, wenn im Restaurant der Franzosen am Tegeler See oder bei den Belgiern ein Empfang stattfand. Auch zur Alarmierung der Freiwilligen Feuerwehr mittels Sirene mußte der Strom von der BEWAG eingeschaltet werden. Auch die Straßenbahn mußte während der Sperrstunden, so abends ab 18 Uhr, ihren Betrieb einstellen. Die im Spätsommer 1948 angelaufenen Bauarbeiten für den Flugplatz Tegel brachten für uns in Tegelort einen gewissen Vorteil. Um die Abendschicht der Bauarbeiter ablösen zu können, durfte unsere Linie zweimal am Abend, um 19.30 und 22.30 Uhr, mit einem Triebwagen befahren werden. Da hatte man die Gelegenheit zu abendlichen Treffen nach Tegel hin- und zurückzufahren, was gerade ein Jugendlicher, wie ich es war, sehr zu schätzen wußte. Tanzvergnügen, die in der Nachkriegszeit besonders gern besucht wurden, fanden in den Restaurants weiterhin statt. Dabei sorgte die Kerzenbeleuchtung während der Stromsperren für besondere Stimmung. Strom für Verstärkeranlagen wurde nicht benötigt, da die Musik "life" produziert wurde und die Musiker ihre Instrumente ohne zusätzliche Technik laut genug spielen konnten. Halten Sie ein Ereignis wie die Berliner Blockade in der heutigen Zeit noch für möglich? Aus politischen Gründen halte ich wirtschaftliche Blockaden, für deren Erzwingung auch militärische Maßnahmen in Betracht kommen können, jederzeit für möglich. Sie wird sich in Zukunft auf ganze Länder, bzw. politische Einheiten größeren Ausmaßes beschränken. Eine Blockade, die mit der Berliner vergleichbar ist, wird es nicht mehr geben, da hierzu ein Land unter der Herrschaft mehrerer gegeneinander rivalisierender Mächte stehen müßte. In der heutigen hochtechnisierten Gesellschaft kann ich mir die Teilung einer Stadt und Isolierung einer Gemeinde nur schwer vorstellen, halte sie aber politisch für möglich. Das würde dann das Aus für diese Stadt und ihre Bevölkerung bedeuten. Denn die Lebensgüter und Energieeinheiten, die eine moderne Gesellschaft fürs tägliche Leben und Überleben benötigen würde, ließe sich mit einer Luftbrücke nicht mehr bewältigen. |
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Katholische Schule Salvator - Projekt im Fach Politische Weltkunde - Zeitzeugeninterview mit Herrn Wolfgang Scholz Das Interview führten: Sebastian Boewer und Gordian Scholz Illustrationen © 1997 Landesbildstelle Berlin Sitedesign © 1999 Thorsten Papkalla - tpapk@gmx.net |