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Berliner Blockade: Zeitzeugeninterview mit Herrn E. von Stürmer Das Interview führten Thorsten Papkalla und Christian Goldbaum mit dem Zeitzeugen Herrn E. von Stürmer STDIR i.k. |
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Wie haben Sie persönlich die Berliner Blockade erlebt? Ich war damals
noch ziemlich klein. Ich bin 1939 geboren, war damals also erst 10 Jahre
alt. Wir hatten bis Kriegsende in Schöneberg gewohnt und sind dann
ausgebombt worden. Wir zogen zu Verwandten nach Kreuzberg, wollten da
eine Wohnung einfach besetzen - leider konnten wir die dann aber nicht
sofort beziehen. Wir sind dann nach Ludwigsfelde gezogen, südlich
von Berlin. Zur Zeit der Luftbrücke haben wir in Kreuzberg gelebt.
Können Sie sich noch erinnern wie man während der Blockade an Lebensmittel kam? Es gab ja wahrscheinlich auch schon zu der Zeit der Blockade diese Lebensmittelkarten. Man erhielt je nach Abschnitt , den man im Geschäft abgab, was zu essen. Wobei man sagen muß, daß das manchmal überhaupt nicht reichte. Zusätzlich kam noch die Schwierigkeit hinzu, daß wir noch nicht polizeilich in Berlin gemeldet waren. Wir bekamen also nur so eine Notversorgung, pro Woche ein halbes Brot. Ich habe einmal eine Lebensmittelmarke verloren. Das war eine absolute Katastrophe. Also, einfach losgehen in einen Supermarkt und etwas kaufen, das gab es gar nicht. |
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Kam es auch vor, daß man zwar Lebensmittelmarken hatte, aber nichts dafür bekommen konnte? Ja, sicher.
Da kann ich mich jetzt aber leider an keinen konkreten Fall mit Lebensmitteln
erinnern. Aber ich weiß zum Beispiel noch, daß einmal für
mich Schuhe fällig waren. Alle paar Jahre gab es neue. Meine Mutter
hatte zwar Marken für diese Schuhe, aber es gab keine Schuhe.
Hat sich damals das Verhältnis der Bevölkerung zu den Besatzern geändert? Ich war ja während des Krieges noch ein Kind. Ich hatte also irgendwelche Feindgefühle gar nicht gehabt. Als die Russen in Berlin einmarschiert waren, da waren wir noch in Ludwigsfelde, da hat man also recht schnell gemerkt, daß es nicht so einfach war, ein freundliches Verhältnis mit denen aufzubauen. Die Amerikaner auf der anderen Seite, als wir zurückzogen nach Berlin, Kreuzberg war ja im amerikanischen Sektor, gegenüber den Amerikanern hatten wir sehr schnell ein gutes, freundschaftliches Verhältnis. Und dann gab es da auch "chewing gum! - wir wußten damals nicht wie es ausgesprochen wird. Oder auch mal eine Zigarette für den Vater. Die Besatzungsmächte waren ja praktisch die Leute, von denen wir was bekommen konnten. Es gab ja praktisch nichts. Also, es war alles schwierig. Die hatten genug. Ab und zu kriegte man etwas ab. Der Französische und der Britische Sektor waren weit weg. |
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Wie haben Sie damals persönlich die Luftbrücke erlebt? Ich wohnte ja nicht weit weg vom Flughafen Tempelhof. Kreuzberg, das war so zu Fuß zehn Minuten entfernt, und wir sind auch hin und wieder hingegangen und haben uns das angesehen. Und es ging dann das Gerücht um, daß da ein Amerikaner Schokolade abwirft. Ich kann mich noch immer daran erinnern, daß wir da auf Trümmerbergen gestanden haben und immer zugeguckt haben, wie die Maschinen landeten. Leider ist es mir nie gelungen, das heißt ich habe es eigentlich nie gesehen, daß da jemand so einen kleinen Fallschirm aus dem Fenster geworfen hat. Die flogen da in ganz kurzen Abständen. Ich kann mich noch ganz genau daran erinnern, daß die da ganz dicht über unsere Köppe geflogen sind. |
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Können Sie etwas von ihrem alltäglichen Leben damals erzählen? Da gab es zwei
Seiten. Die eine war Hunger und Kälte. Es gab ja praktisch nicht
zu essen. Im Winter war es kalt, weil wir keine Kohle hatten. Wir hatten
eine Zwei-Zimmerwohnung mit Küche. Das einzige was so ein bißchen
geheizt wurde, das war die Küche. Kochmaschine nannte man das damals,
das war so ein Kohle-Ofen, der dann geheizt wurde. Da wurde also gekocht,
und dann blieb die Küche auch ein bißchen warm. Das ist dann
auch die andere Seite, wenn abends der Strom abgestellt wurde, dann
saßen wir abends in der Küche auf dem noch warmen Ofen und
erzählten uns Geschichten. Das war also eher die angenehme Seite,
so in etwa das Gemütliche daran. Das vermisst man heute doch eher
in den Familien, das enge Beisammensein. Dazu kommt, im Sommer, ganz
Berlin war ja eigentlich ein Abenteuerspielplatz, alles Ruinen, und
wir sind dann halt durch die Keller gegangen. Man fühlte sich frei.
Das Spielen war toll, trotz des Hungers hatte das Leben für Kinder
auch seine guten Seiten. |
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Gab es Verbindungen zu Ost-Berlin? Da kann ich
eigentlich nichts dazu sagen. Da habe ich keine praktischen Erfahrungen
gemacht. Erinnerungen habe ich, daß mein Vater hamstern fuhr,
dann ging es ins Berliner Umland. Ansonsten, Verbindungen so direkt
nach Ost-Berlin, ob wir rübergegangen sind um da Nahrung zu kaufen,
weiß ich nicht, ein bißchen später dann, weiß
ich noch, bin ich zum Friseur nach Ost-Berlin gegangen, weil es da billiger
war, aber das war erst nach der Blockade.
Hatten sie eigentlich jemals befürchtet, daß die Blockade ihr Ziel erreichen könnte, also daß die Alliierten West-Berlin an die Sowjetunion übergeben würden, wenn die Einschränkungen das alltägliche Leben der Bürger zu stark behindert hätten? Das kann ich so nicht sagen. Damals hatte ich in diesem Alter so kein politisches Bewußtsein. Für uns kam es darauf an, zu überleben. Was die politischen Motive auf der einen oder der anderen Seite waren, war mir zumindest damals völlig unbekannt und völlig schnurz. Es ging uns hauptsächlich darum, einigermaßen satt zu werden. Wer oder was daran schuld war, war mir damals vollkommen unbewußt. Rückblickend habe ich dann später natürlich gemerkt, daß wir den Alliierten sehr dankbar sein mußten. Ich bin im September 1945 eingeschult worden. Ich mußte ziemlich weit nach Schöneberg gehen. Mein Lehrer war 19 Jahre alt. Wir waren 52 Schüler, es gab keine Hefte. Die Schulspeisung wurde erst später eingeführt. Ich habe dann 1948/49 auch die Schule gewechselt, in der 3. Klasse, und bin dann in Kreuzberg zur Schule gegangen. |
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Katholische Schule Salvator - Projekt im Fach Politische Weltkunde - Zeitzeugeninterview mit Herrn E. von Stürmer STDIR i.k. Das Interview führten: Thorsten Papkalla und Christian Goldbaum Illustrationen © 1998 Landeszentrale für politische Bildungsarbeit Berlin Sitedesign © 1999 Thorsten Papkalla - tpapk@gmx.net |